Mit dem Velo ins Tessin – in einem Tag: „Aber warum denn?!“

„200 Kilometer, nicht schlecht… Aber warum nimmst du denn dafür das Velo?!“ werde ich mitleidig gefragt. Soviel vorweg: Hier geht’s nicht darum, Verständnis aufzubauen oder Überzeugungsarbeit zu leisten. Keine (klare) Antwort auf das Warum; sorry Mum.

Eine kleine Instagram-Fotoreportage dieser Rennvelo-Tour von Rapperswil-Jona nach Locarno – in einem Tag.

Die übrigens keine angeberische Bahnhofsrunde im Internet, sondern eine Motivationsspritze sein soll: Was Verrücktes zu planen, vorzubereiten – und auch zu machen.

Von Rapperswil nach Locarno in 20 Bildern


Klar, mit dem Rennvelo in einem Tag ins Tessin zu fahren, klingt anfangs schon verrückt. Aber auch verlockend.

Was es dafür braucht, sind starke Beine über knapp 200 km und 3’000 Hm, dann ist es geschafft. So viel sagte bereits Routenplanung.

Wie das im Detail ablief, folgt hier.

Aufbruchsstimmung an diesem Samstag im September 2021. Frühmorgens zeigte sich der Himmel noch bedeckt, anschliessend kündigte sich sowohl für den Norden als auch für den Süden der Schweiz ein warmer Herbsttag an. Selbst die Wetterprognose für die Gotthardpasshöhe sah über 10 Grad vor.

Nach dem Wecker werden die letzten Sachen gepackt, was – wie immer – länger dauert, wie gedacht… Darum startet die Tour auch nicht um 7:30 Uhr, sondern halt erst eine Stunde später… Aber los geht’s!


Während den ersten Höhenmeter wird der Zürichsee noch von einer dichten Nebelsuppe bedeckt…

…die sich aber schon bald auflöst. Mit dem Durchbrechen der ersten Sonnenstrahlen wird es merklich wärmer – endlich.

Der Asphalt, noch nass vom Regen der Nacht, beginnt zu dampfen; die Schweissperlen auf meinem Gesicht wirken nun plötzlich kühlend. Mit der wärmenden Sonne hellt sich auch die Stimmung auf, die Beine fühlen sich Umdrehung für Umdrehung besser.


Nach dem ersten Anstieg nach Biberbrugg folgt eine Zwischenebene bei Rothenturm, anschliessend eine kurze Abfahrt an den Lauerzersee, um von dort hinüber zu fahren an den nächsten See, den Vierwaldstättersee.

Auch hier; es ist immer wieder ein spezielles Gefühl, von kilometerlangen einsamen Radwegen abzubiegen, um dann mitten in einem Touristen-Hotspot zu landen. Ein Gewusel, wie in einem aufgescheuchten Hühnerhaufen: Lastwagen und Familienkutschen stauen sich, Fussgänger kreuz und quer, dazwischen noch einige Motorradfahrer – und ich.

Die anschliessenden Kilometer – dem See und der Hauptverkehrsachse entlang – nach Flüelen könnten nicht ambivalenter sein: Auf der einen Seite diese fantastische Aussicht hoch über dem Vierwaldstättersee, auf der anderen Seite diese furchteinflössende Blechlawine, die in Form von Lastwagen, Wohnmobilen und Autos neben deinem Ellbogen vorbei donnert.


Oft nur Nebenschauplatz, aber ebenso entscheidend: Die ständige Energiezufuhr bei solchen Touren, ob im Sattel oder in Pausen.

Die hohen Berge rücken näher und näher. Ab Amsteg wird das Tal immer enger. An beiden Seiten steigen die grünen Bergflanken steil empor.

Da bleibt kein Platz für einen Radweg, deshalb wird geteilt – leider mit wenig Rücksicht. Das regelmässige Rauschen von vorbeiziehenden Wohnwagen, Motorrädern, Sportwagen, Familienkutschen und Lastwagen wäre in Ordnung, wäre es bei einigen doch mit etwas mehr Abstand: Ich als einarmiger Radfahrer quer auf der Strasse bringe mir nichts, dir nichts.

So geht’s vorbei am „Chileli vo Wasse“ nach Göschenen auf die Passstrasse, von der glücklicherweise bald eine separater Radweg abging. Halleluja!


Teufelsbrücke, Suworow-Denkmal usw.: Schweizer Geschichte „to go“ auf dem Weg ins Tessin.

Gäbe es bei jedem 10. Einkauf im selecta-Automaten etwas gratis, ich hätte vermutlich bereits einen ganzen Automaten geschenkt bekommen…

Danke selecta, dass es dich gibt: Ein schweizweit dichtes Netz an Verpflegungsstationen: 24/7 verfügbar, 365 Tage im Jahr.


Leere Strassen auf dem Weg zur Passhöhe: Einer Baustelle sei Dank wechselte sich „viel“ Verkehr immer wieder mit „kein“ Verkehr ab. Diese ruhigen Abschnitte: wunderschön.

Kurz vor der Passhöhe: kurz vor der 100 Kilometer-Marke, kurz vor der Halbzeit.


Endlich oben, endlich Halbzeit.

Mein Tipp für alle, die auf ein halbstündiges Hardcore-Powerplate-Feeling verzichten können: Die „Tremola“ – die alte Gotthard-Passstrasse – nur berghoch, aber nicht bergab fahren. Denn jedes Bremsen in den Serpentinen der historischen, aber gepflasterten Passstrasse führt zur extremen Powerplate-Erfahrung im ganzen Oberkörper. Beim Anbremsen schüttelt’s dir fast die Hände vom Lenker…


Kilometerbolzen: Seit Airolo schlängelt sich die schwach befahrene Hauptstrasse durchs Tal, immer schön abwärts. Locarno, ich komme!

Das Schloss Bellinzona hätte man auch besser als nur mickrig in der Mitte aufs Bild bekommen, aber das widerspiegelt den aktuellen Gemütszustand: Jetzt einfach weiterfahren. Auch wenn’s schon lange harzig wurde: einfach weiter, immer weiter. Slowly, but steady.

Bei solchen Touren ist dein Kopf, getriggert vom Körper, immer wieder dein Gegner, der dir sagt: „Musst du jetzt wirklich noch weiter? Hier hat’s doch eine Bushaltestelle! In Bellinzona gibt’s doch einen Bahnhof mit direkten Verbindungen! Diese Bank sieht gemütlich aus für eine Pause!“

Hier gilt’s, dann einfach auf sich selbst zu hören: Schmerzt wirklich etwas (weil dann wäre wirklich Schluss), oder ist das nur dein gemütlicher Körper, der gerne ein wenig faulenzen will?


Quasi eine Vier-Seen-Tour: Nach dem Zürichsee, Lauerzersee und Vierwaldstättersee der letzte und schon sehnlichst erhoffte: Der Lago Maggiore.

That’s it. Wie geil!

Ja, es fühlt sich schon absurd an, wenn man morgens noch in Rapperswil aufgewacht ist, sich in den Sattel gesetzt hat, und jetzt – 9 Stunden später – in Locarno am Hafen steht. Alles nur mit dem Rennrad.

Viel Zeit zum Feiern bleibt (noch) nicht, es muss noch ein Hotel für die Nacht gefunden werden. Nach kurzer Online-Recherche ist ein kleines Zimmer gebucht und ich schon unterwegs dorthin. Ich freue mich auf die Dusche und bald was zu Essen.


Hochzufrieden über das Erreichte ist das Bier erfrischender, die Pizza knuspriger und das Hotelbett bequemer.

193.9 Kilometer, 2881 Höhenmeter, 08:52 Stunden:
Die Zahlen im Ziel in Locarno.

PS: Hier der Link zur Tour auf komoot, für alle Details oder zum Nachfahren…

PPS: Falls du auch mal auf der Route unterwegs bist, schick mir doch ein Foto, zB via Instagram @bicyclenthusiasm oder Poste ein Bild mit dem Hashtag #projektFREIZEIT.

PPPS: Mehr auch auf Instagram – guckst du:

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